
Die Fotografien von Sabine Wild demaskieren das Bild einer Stadt, indem sie den Blick
auf die bauliche Grundstruktur und die Geschwindigkeit innerhalb und außerhalb ihrer
Fassaden freilegen.
Die skelettartig aufgefächerten Gebäude werden durch unscharfe vertikale und
horizontale Farbläufe dynamisiert und so ihrer Tektonik enthoben. Menschenleere Straßen
verwandeln sich in transparente, luzide Farbräume.
Die fotografischen Unschärfen behindern die visuelle Verfügbarkeit und distanzieren so die
Weltstadt in ihrer alltäglichen Erscheinung vom Betrachter. Ein Abgleich der vertrauten
Realität einer Metropole, die sich durch Menschendichte, Lärm und Geschwindigkeit auszeichnet, und den Fotografien, ruft dem Betrachter die Abwesenheit ihrer Bewohner und den Verlust der Beständigkeit von Architektur ins Bewusstsein.
Dem Fehlen dieser elementaren Komponenten einer Stadtlandschaft setzt Sabine Wild eine rudimentäre Rasterstruktur entgegen, die von transparenten, luziden Farbräumen durchwirkt wird.
Das Resultat ist eine nachhaltige Spannung, die von gegensätzlichen bildnerischen Mitteln
erzeugt wird: Dunklen, horizontalen und vertikalen Linien sind leuchtende Farbpartien gegenüber gestellt und aufgelöste, malerisch wirkende Passagen liegen im Widerstreit mit starren, grafischen Parzellen.
Die Fotografien oszillieren in ihrer Wirkungsästhetik zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, Geschwindigkeit und Statik. Die Unschärfen der Stadtaufnahmen schärfen die Wahrnehmung der eigenen Sinneseindrücke.
Andrea-Katharina Schraepler, Kunsthistorikerin M.A.
____________________________________________________________________________

|